Auszüge ausm Roman
 

  

   ...... Der Frühling kam und mit ihm die Freaks. Die Toten schienen aus ihren Löchern zu kriechen, schneebedeckte Kaltblüter, die ihre abgemagerte Haut an der Heizung wärmten und dabei ihre Triebe entdeckten; Halbirre, denen der Schnee das Gehirn zermatscht hatte und die mit dem ersten Sonnenstrahl die Welt nicht mehr verstanden und sich in ihre eigene zurückzogen. Sie standen vereinzelt an der Theke oder an den Tischen, sprachen mit sich selbst oder mit ihren Getränken, vollführten Voodootänze vor den Wandspiegeln oder brüllten sinnloses Zeug durch die Gegend. Die meisten von ihnen tauchten nur einmal auf und verschwanden wieder so schnell, wie sie gekommen waren, aber einige blieben länger, machten die Schluckbude über Monate hin zu ihrer neuen Heimat, bis auch sie schließlich wieder verschwanden, eingelocht wurden oder sich unter irgendeinen Zug warfen. Die wenigsten von ihnen kannten wir mit Namen; sie hatten einfach keine Namen, weil nie jemand sie danach fragte oder weil sie sie mit der Zeit selbst vergessen hatten. Es gab natürlich Ausnahmen, Henry zum Beispiel; aber er war auch keiner von den aussichtslosen Fällen.

... 

Von den wirklich Namenlosen fiel vor allem einer auf, und zwar dadurch, daß er innerhalb einer Minute den Laden mindestens fünfzig Mal durchmaß. Er hetzte von links nach rechts, von rechts nach links und immer weiter, als sei jede Stelle des Bodens ein glühendes Lavafeld. Er machte uns krank. Wir versuchten ihn zu ignorieren, aber solange der Laden nicht voll war, war das einfach nicht möglich. Ich mein', die Schluckbude war ein freies Land, und wir konnten niemandem verbieten, drauf rumzulatschen, aber der Kerl ging uns an die Nerven, und wir warteten nur auf eine Gelegenheit, ihn endlich vor die Tür setzen zu können. Und eines Tages war sie da, die Gelegenheit. Der Typ hatte nach einer Stunde Marathon plötzlich den Weg zum Klo eingeschlagen, zog dort eines dieser alten Rasiermesser aus der Tasche und schlitzte sich die Pulsadern auf. Er verblutete natürlich nicht, das hatte er wohl auch nicht vor. Vielmehr kam er wie beruhigt vom Klo zurück, rieb sich die Handgelenke über Stirn und Nase und setzte sich an einen Tisch, das Gesicht wie eine blutende Totenmaske. Sogar die Punkies gingen auf Distanz. Wir baten ihn dann freundlich, doch bitte irgendwo anders zu verbluten, und er haute ab. Ein paar Monate später tauchte er übrigens wieder auf, ruhiger und mit genauso viel Blut in den Adern wie zuvor.

'ne Menge von diesen Leuten fiel im eigentlichen Sinne nicht auf. Sie rannten nicht wie Irre hin und her und rasierten sich zuhause, wie es sich gehört. Sie lehnten einfach an der Theke, so als ob sie ihr Leben lang nichts anderes getan hätten, als in den Seilen irgendeines Ringes zu hängen, wo irgendjemand anderes sie dauernd in die Fresse schlug. Sie bissen auf die Zähne, tranken ihr Bier und warteten schweigend auf den nächsten Schlag. Ihre Gesichter waren so namenlos wie ihre ganze Person. Sie verzogen ihre Münder, weil der Schmerz ihre Seelen verdaute und an jedem Ort der gleiche Kampf auf sie wartete. Sie brannten aus wie Kerzen im Neonlicht. Ich meine, wer bemerkt das schon? Nicht einmal die Motten, die kopflos das grelle Flackern an der Seitenwand bestürmten, kümmerten sich um diese vegetierende Glut; und die Zukunft hockte in ihren blutleeren Augen wie ein stinkender Tümpel, ein stehendes Jetzt. Es waren Menschen, die nur eines gelernt und gelebt hatten, das Sterben. Und wo andere sich amüsierten, öffnete sich ihnen ein Grab. Sie versuchten es mit Schnaps zu füllen und hofften auf einen schwarzen See, aber der lehmige Boden unter ihren Füßen trank schneller als sie, und das Grab blieb. Ich habe seitdem nie wieder Menschen getroffen, die mit solcher Wucht eine Fliege, die sich in ihrer Nähe niedergelassen hatte, zermatschten. Sie scheuchten sie nicht weg, nein, sie schlugen mit der geballten Faust auf das Tier, und ich dachte, der Tisch darunter müßte krachend entzwei splittern. Sie wollten einfach nicht alleine untergehen und zogen mit, was sich mitziehen ließ.