| Winter | |
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„Guten Abend, liebe Zuschauer. Die Nachrichten.“ Ein Fernsehsprecher
Seit genau fünf Tagen, sehr langen Tagen, saß Frau Wall auf einem Stuhl im Flur ihres abgelegenen Häuschens und blickte auf die Türklinke. Nur wenn sie Hunger oder Durst verspürte oder ein anderes dringendes Bedürfnis sie zum Aufstehen zwang, verließ sie den Flur, stapfte über den weichen Teppich, um wenig später wieder zurückzukehren an den Platz ihrer Angst. Die Geschichte, die wir erzählen wollen, ist im eigentlichen Sinne keine; vielmehr ist es die Beschreibung einer Tat. Unser Interesse daran ist ein rein literarisches, ein Interesse, das auf Genauigkeit zielt, auf exakte Deskription und ohne psychologische Lösungsvorschläge, ohne aufklärende Hintergründe, ohne rückblickende Motivsuche auskommt. Unser Auge ist kalt dabei. Wir überlassen dem Leser das Mitleid mit dem Opfer. Das etwas altertümelnde, sich einem Hauch von Wissenschaftlichkeit verschreibende „Wir“, dessen wir uns bei der Arbeit an diesem Text bedienen, scheint uns angebracht, die Distanz zu unserem Objekt dauerhaft zu unterstreichen. Allons-y! Im Dämmerlicht dieses fünften Abends - die Sonnenstrahlen spannten sich nur noch matt von den hübsch eingestzten Glasscherben in der Eingangstür zum flauschigen Teppich - kam es zu jenem Vorfall, von dem Frau Wall seit fast einer Woche wußte, daß er eintreten würde, wenn nicht gar mußte. Doch obwohl erwartet, traf die Bewegung der vergoldeten Türklinke - als es dann endlich so weit war - Frau Wall wie ein Schlag ins Gesicht. Das Türholz bewegte sich langsam um die lautlosen Scharniere, und der Spalt ins Freie vergrößerte sich. Von draußen schob sich Kälte in den Flur. Frau Wall begann zu frieren. Das letzte Tageslicht fiel auf den Schnee, der die Gegend ringsum bis zum Wald und darüber hinaus bedeckte, prallte vom weißen Boden, von den Hecken und Bäumen ab und verschwand im Rücken eines Mannes, der wie ein breiter Schatten im Türrahmen stand. Frau Wall sah eine verdunkelte Gestalt, von der nur zu sagen war, daß sie die rechte Hand gegen das Holz der Tür stemmte. Der Rest war ein klobiges Schwarz, ununterscheidbar in seinen Details, dafür an seinem Umriß deutlich mit einer Naht gezupften Lichts an den endenden Tag befestigt und gleichzeitig wie durch einen unangebrachten Heiligenschein vom Hintergrund abgesetzt. Frau Wall spürte die Kältewelle um ihre Hausschuhe und Beine. Sie fror im Rücken und an der Brust unter dem Wollpullover, aber vornehmlich waren es die Füße und Waden, die sich aufgrund der niedrigen Temperaturen versteiften. Der Mann trat einige Schritte in den Flur und ließ die Tür hinter sich offen. Frau Wall sah sein Gesicht jetzt, das glattrasierte Kinn, den etwas traurigen Blick, mit dem der Mann eine Fotografie fixierte, die im Flur hing und auf der Frauen auf einem afrikanischen Markt beim An- und Verkauf von Gemüse zu sehen waren. Wir wissen nicht, was es mit diesem Schnappschuß auf sich hat, in welchem der geflechteten und abgelichteten Körbe die Verbindung zu dieser unserer „Geschichte“ liegt, aber der Genauigkeit wegen, wollen wir erwähnen, daß es sich hierbei um den Montagsmarkt in Djenné, einer Stadt im heutigen Mali handelt. Dann stellte sich der Mann neben Frau Walls Stuhl und schaute auf sie hinab. Ihre Nase war leicht gerötet, genau wie ihre Wangen, und ihr Atem schob sich in unregelmäßigen Abständen und sichtbaren Schüben zwischen den aufgerauhten Lippen hinaus in den Flur. Sie fühlte das nervöse Klopfen ihrer Herzmuskulatur im Zahnfleisch und in den Schläfen. Ihr Mund war trocken. Schneidend legte sich der Wind in ihre Augen. Draußen vermischte sich der Schnee mit rot-gelber Farbe; das Geäst glühte, während die Sonne sich allmählich zurückzog, sich abwandte, wegdrehte von Frau Walls Haus. ....
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